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mosaike -                                

Streiflicht auf ein Berliner Kunsthandwerk (19./20 Jhd) 

 

"Mosaik, nennt man die Kunst, durch Aneinanderfügen und Zusammenkitten von kleinen, farbigen oder gefärbten Körpern, namentlich Steinen, Glasstückchen, auch farbigen Hölzern, Zeichnungen oder Gemälde darzustellen, auch diese Gemälde selber.
Der Vorzug derartiger Gemälde oder musivischer Arbeiten besteht hauptsächlich in ihrer fast unzerstörbaren Dauer; auch können sie quer durchsägt und so vervielfältigt werden."

Herders Conversationslexikon, 1856, Band 4, S. 247-248

 

LINK zum Zustand am 12. März 1990 am S-Bhf Postdamer Platz:
Märkische Landschaft I und II

Ein Mosaik, kunsthandwerkliches Objekt, hier hinter Glas, wird in einen "Boden" gebettet. Das Mosaik der Stadt Berlin ist auch in einen Boden gebettet...

Im S-Bahnhof Postdamer Platz, auf den Wandobjekten, schaut es sich von unter der Erde hinaus auf fahrende Schiffe,

auf eine Landschaft, deren sandige Böden, durch die Zeit und Wasser rinnt, ein Charakteristikum dieser Gegend sind.   

 


 


Inmitten der lauten, geschäftigen Umgebung
- unter Tage -
inspiriert mich dieses Spiel von Licht und Farbe im kalten Weiss für einen Moment -
öffnet Raum zu einer imaginierten Reise hinaus ins Weite dieses flachen Landes, sonnenbeschienen, Treppauf, Treppab, meine S-Bahn erwartend oder verlassend -
wenn und wann sie denn kommt...

 

mosaikkunst  

Anriss

Zum Begriff "Mosaik" sind drei Ableitungen im Gespräch:
1. aus dem griechichen mousa, in der Bedeutung "Muse",
    Bezug zu den mythologischen Schutzgöttinnen der Künste,
2. aus dem lateinischen musaicum (opus), ein den Musen gewidmetes Werk, und
3. aus dem arabischen muzauwaq, was als "verziert" übersetzt ist.

Mosaiksetzer nennen sich "Mosaizisten".

Die älteste bekannte Herkunft von Mosaikarbeiten (Stiftmosaike) ist etwa ins 4. Jt. v. Chr. datiert und stammt aus Mesopotamien, Uruk. Im Laufe der Zeit gelangte diese besondere Dekorationstechnik über Griechenland nach Italien und von dort in die römischen Provinzen.
Mosaike sind als bildhafte Wand- und/oder ornamentale Säulenverzierungen, auch Nischen-, Gewölbe-, Brunnenverzierung und als kostbarer Fussbodenbelag bekannt. Mit dem Einzug der Mosaiktechnik in die christliche und islamische Kunst finden sich Ausschmückungen in Sakralbauten. Im Laufe der Zeit verfeinerte sich Arbeitstechnik und Materialauswahl: Flächen-, Tiefen- und Lichtwirkung, Natursteine, Glas, auch weitere Materialien, alle Aspekte finden Widerspiegelung im kunsthandwerklichen Ergebnis. Bis zur Renaissance sind Wand- und Bodenmosaike gleichermaßen beliebt, danach finden flächenhafte Bodenmosaike mehr Gefallen. Die Wandtechniken, insbesondere die Herstellung von Goldglasmosaiken, geraten in Vergessenheit. Bis etwa zur Mitte des 19. Jahrhunderts.


Aufleben der Glasmosaiktechnik in Berlin
Neben dem Kunstinteresse des späteren Königs Friedrich Wilhelms IV., der 1834 das historische, abgebrochene Apsismosaik des 13. Jhdts aus der Kirche San Cipriano, Murano (Venedig), kaufte und in die Postdamer Friedenskirche einbringen liess, gelangte die aufstrebende preussische bürgerliche Gesellschaft dieser Zeit nach und nach auch zu den Wirtschaftsmitteln, zeitgenössische kunsthandwerkliche Nachfrage hoher Qualität an "dauerhafter Malerei und Dekoration" zu erzeugen. Ebenfalls konnte die Kirche für ihr Bauaufkommen auf diese kostspielige Technik zugreifen. Ein Boden bereitete sich vor für die Wiederbelebung der fast vergessenen Technik des Glaswandmosaiks.

Sehenswürdigkeiten:
Nationaldenkmal Siegessäule, eingeweiht 1873
Zur Ausführung des Entwurfs von Anton Werner für die Glasmosaiken in der kreisrunden Säulenhalle erhielt die venezianische Firma Antonio Salviati den Auftrag, weil sie die Technik der Goldmosaike beherrschte. Die Säule wurde mit der Kartonzeichnung Werners eingeweiht, denn das Mosaik des Bildes der Reichseinigung durch den Sieg über Frankreich war erst 1876 fertig.

Martin-Gropius-Bau,
Königliches Kunstgewerbemuseum (mit Unterrichtsanstalt), eingeweiht 1881
Die filigran gestaltete Fassade zeigt u. a. Allegorien der Kulturen und Künste, ausgeführt in Glasmosaiktechnik. Diese sind ebenfalls in der venezianischen Werkstatt Salviati gefertigt (1879 - 1881). In Berlin stand noch niemand zur Verfügung, obwohl der Bauschmuck die Vielfalt und Qualität des örtliche Könnens wiedergeben sollte.


Venedigs Konkurrenz in Berlin
Mit Unterstützung des ersten Direktors des Kunstgewerbemuseums gelang es dem Kaufmann August Wagner und dem Kunstmaler Wilhelm Wiegmann (seit 1886 gemeinsamer Betrieb eines Ateliers für Dekorationsmalerei und Fassadengestaltung) mittels technischer Hilfe des Ingenieurs Friedrich Puhl in vielen Versuchen, einen Glasherstellungsprozess für die Mosaiktechnik zu finden - gut gehütetes Geheimnis der venezianischen Werkstätten.
Im Herbst 1889 eröffneten sie die 
Deutsche Glasmosaik-Anstalt von Wiegmann, Puhl und Wagner in Berlin-Neukölln. Das venezianische Monopol war gebrochen. Von 1890 bis 1893 enstand das Portalmosaik der Emmaus Kirche in Kreuzberg.

LINK
Archiv Puhl & Wagner, über berlinische galerie
Elisabeth Jeske, Ehrenbürgerin Schulzendorf
Joana Pomm, Restaurierung

Nationaldenkmal Siegessäule
Martin-Gropius-Bau
                                                          
 

Werke (Auswahl), Kurzblick

Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, eingeweiht 1905
"Kunst am Bau" wurde auch 1893 staatlich befördert:
Preussisches Abgeordnetenhaus, Sitzungsprotokoll 24.02.1893,
der Vizepräsident gibt aus
"...dass bei Staatsbauten, wo ein Schmuck nothwendig ist, auch seitens der Regierung auf die Anwendung von Mosaik Bedacht genommen werde." Ebenso erhielt die Öffentlichkeit seine Empfehlung, auf Mosaikbauschmuck einzugehen, denn man habe nun die Gelegenheit, diesen Kunstgewerbezweig im Inland zu fördern. Der bedeutsamste Förderer war Kaiser Wilhelm II., der u. a. die Mosaikausführung in der Gedächtniskirche beauftragte, 2740 m², von denen uns heute noch ein Teil erhalten ist. Darunter auch die Signatur von Puhl & Wagner (der Kunstmaler Wilhelm Wiegmann hatte sich in 1896 von der Firma getrennt).

Firmenbiografie 
Die weitere Geschichte der Firma Puhl & Wagner, des größten und bedeutenden Herstellers von Glasmosaiken und Glasmalereien in Deutschland, führt über ein Joint Venture in den USA 1923 - 1929/30 (United Mosaic Company in Zusammenarbeit mit dem St. Louis art glass studio von Emil Frei, später Ravenna Mosaic Company), den Nationalsozialismus und den
zweiten Weltkrieg hinaus zum:

Sowjetisches Ehrenmal Treptower Park, eingeweiht 1949
Es ist das zentrale von drei durch die Rote Armee nach dem zweiten Weltkrieg eingerichteten Ehrenmalen zur Erinnerung an die etwa 80.000 in der Schlacht um Berlin gefallenen Soldaten. Gleichzeitig sind die drei Ehrenmale Soldatenfriedhöfe, sowjetische Kriegsgräberstätten in Deutschland. Als wichtiger Verhandlungspunkt in den Zwei-Plus-Vier-Verträgen von 1990 enthalten, verpflichtete sich die BRD in einem Abkommen 1992 zur dauerhaften Gewährleistung ihres Bestands, der Unterhaltung und Reparatur. Jedwede Veränderung der Denkmale ist zustimmungspflichtig seitens der sowjetischen Föderation.

 

Mit dem Abschluss der Wettbewerbsausschreibung 1946 zur Gestaltung der sowjetischen Ehrenmalanlage erhielt Puhl & Wagner den ersten bedeutenden Auftrag der Nachkriegzeit.

Das in seiner Hauptblickachse beeindruckende, 10 ha große Gelände zeigt am südöstlichen Ende (Richtung Morgensonne) in Gestalt einer weiblichen Skulptur auf Steinsockel "Mütterchen Heimat" und als Hauptmonument am nordwestlichen Ende (Richtung Sonnenuntergang) des Areals auf einem künstlich angelegten Grabhügel ein Mausoleum mit innen liegendem Kuppeldach, aussen bekrönt von einer Soldatenstatue, ein Kind auf dem Arm tragend und in Richtung "Mütterchen Heimat" blickend.
Die innere Kuppel kleidet ein Mosaik von Puhl & Wagner aus in der Darstellung von Vertretern der 16 sowjetischen Unionsrepubliken bei der Totenehrung. Dieser Innenraum ist vor Zutritt durch eine Vergitterung geschützt.

 

Firmenbiografie, Ende
- im Jahr 1969. 80jährige Firmengeschichte mit über Deutschland hinausführender Bedeutung in der Mosaikkunst endete in Liquidation infolge der Abhängigkeit von staatlichen und kirchlichen Aufträgen. Nicht kriegszerstörte Werke befinden sich in Deutschland und im Ausland (u. a. St. Louis Cathedral, MO, USA).

Firma Puhl & Wagner arbeitete in den Entwürfen u. a. mit bekannten Kirchenmalern des Historismus zusammen, so z. B. mit Hermann Schaper (noch erhaltenes Mosaikprunkstück der Hohenzollernfamilie in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, die auch unter dem Berliner Beinamen: der "Hohle Zahn" bekannt ist) und seinem Schüler August Oetken (Entwurf des Deckenmosaiks im Grunewaldturm). Nach der Fusion 1914 mit Gottfried Heinersdorff (Gründungsmitglied des Deutschen Werkbunds 1907) und seiner Kunstanstalt für Glasmalerei, Bleiverglasungen und Glasmosaik dehnte sich die Zusammenarbeit auf Künstler des Expressionismus und der Moderne aus.

Übrigens, Puhl & Wagner wurde doch noch am zeitgenössischen Flagschiff örtlichen Baukunsthandwerks direkt neben Salviati eingebettet, nämlich in der Post Moderne: Nach der Firmenliquidation 1969 ging ein großer Bestand von Goldglasmosaiksteinchen über, der bei späterer Mosaikrekonstruktion und -restaurierung im Rahmen des Wiederaufbaus des Martin-Gropius-Baus seit 1978 zum Einsatz kam. 

                                                        

Am Ort zwischen Neugier und Erinnerung,
   S-Bahnhof Postdamer Platz,

   Nord-Süd-S-Bahn,
  
1939 vom Architekten und
   Eisenbahnbaubeamten
   Richard Brademann entworfen,

   leuchtet ein kleiner Schatz,
   der mit dessen Wiedereröffnung 1992
   ans Licht gelangte.
   Die Vermutung spricht für Puhl & Wagner.
   Im Dunkeln unter der Erde
   hat er den Strom der Zeit überlebt,
   kleines Streiflicht einer großen   
   Geschichte.

 

Haus des Lehrers, 1. Hochhaus am Alexanderplatz, eröffnet 1964
Ich sitze in einem Bus und fahre am Alexanderplatz vorbei. Das Haus des Lehrers liegt vor uns, ich mache auf die "Bauchbinde" (Bezeichnung der Berliner) aufmerksam, den umlaufenden Fries nach Entwurf von Walter Womacka. Er trägt den Titel "Unser Leben" und stellt Szenen aus dem gesellschaftlichen Leben der DDR dar. Da sehe ich auf einmal, dass dieser Bauschmuck ein Mosaik ist, tatsächlich, Mosaiktechnik, nicht aus Glas sondern Naturstein gearbeitet...und feinguckerisch neu ersehen. Auf Spurensuche hatte ich mich gefragt, ob während der DDR-Zeit in Ostberlin angesichts vieler gesprengter Sakralbauten noch entstandene Mosaiktechnik zu finden sei? Da war sie, ausgeführt vom VEB Stuck und Naturstein. Aber das ist eine neue Geschichte, "to be continued" in Sachen "musivischer" Stadtspaziergaenge...


LINK

Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche
Sowjetisches Ehrenmal Treptower Park

Grunewaldturm

Haus des Lehrers